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Bücher bleiben eine kulturelle Ressource – Geschichte wird wieder zu einer politischen Ressource

Bruno-Kreisky-Preisverleihung für das politische Buch 2025 

Politische Literatur verändert zwar keine Machtverhältnisse, sie kann aber Durchblick schaffen. Mit diesem Gedanken eröffnete die Präsidentin des Karl-Renner-Instituts, Doris Bures, die Preisverleihung im Bruno Kreisky Forum. Sie verwies dabei auf die ständige Suche des großen Staatsmannes und längstdienenden österreichischen Bundeskanzlers nach intellektueller und politischer Erkenntnistiefe. Die Entscheidungen der Jury sowie die Geehrten und ihre Arbeit spiegeln diesen Anspruch auf eindrucksvolle Weise wider.

Andere Perspektiven auf die Wirklichkeit

Der Verlag Jung und Jung wurde mit dem Bruno-Kreisky-Preis für besondere verlegerische Leistungen ausgezeichnet. Seine beharrliche Förderung österreichischer Literatur und der konsequente Anspruch, qualitativ hochwertige Bücher mit gesellschaftlicher Relevanz zu veröffentlichen, hatten bereits die Jury überzeugt – und gestern auch das begeisterte Publikum. Die Laudatorin Sabine Kroissenbrunner bezeichnete den Verlag als ein „Laboratorium für die Stimmen von morgen“. Verlagsleiter Günther Eisenhuber schloss das Preisträgergespräch mit einem optimistischen Ausblick auf Literatur und Buch. Solange Menschen bereit sind, Zeit und Geduld aufzubringen, um die Wirklichkeit aus anderen Perspektiven zu betrachten, seien beide nicht gefährdet.

Das Falsche, das Richtige und das Komplizierte

Martin Prinz' Roman „Die letzten Tage“ ist ein grandioses, zugleich bedrückendes Buch über österreichische historische Verantwortung. Das wurde bereits in der Laudatio spürbar. Der Laudator, Finanzminister Markus Marterbauer, selbst Mitglied der Jury, begann seine Ausführungen mit beklemmenden Zitaten aus dem protokollierenden Tatsachenroman. Die Sprache der Täter, distanziert und im Konjunktiv, weist jeden Bezug zum Leid der Opfer und jede eigene Verantwortung von sich.

In seinen Dankesworten betonte Martin Prinz, dass die „große“ Geschichte oft erst durch die Widersprüche und Mehrdeutigkeiten des Erlebens und Handelns der Zeitgenoss:innen verständlich werde. Besonders eindrucksvoll zeigt er das an der Tatsache, dass 1935 der Sozialdemokrat Bruno Kreisky und der spätere Haupttäter der Verbrechen von Schwarzau im Gebirge, der Nationalsozialist Josef Weninger, dieselbe austrofaschistische Gefängniszelle teilten.

Mehr dazu im Video. Es ist packend zu hören, warum Politik nicht allein die Kunst des Richtigen, sondern immer auch die Kunst des Komplizierten sein muss – wie Martin Prinz mit einem Zitat des ehemaligen Bundeskanzlers Fred Sinowatz verdeutlichte.

Geschichte ist wieder eine politische Ressource

Mit dem Hauptpreis wurde der Universitätsprofessor an der Universität Wien, Oliver Jens Schmitt, ausgezeichnet. Der Laudator und Juryvorsitzende Hannes Swoboda schilderte seine persönlichen politischen Erfahrungen als Berichterstatter des Europäischen Parlaments zu den Empfehlungen an Rat und Kommission für Verhandlungen über ein neues EU-Russland-Abkommen im Jahr 2012.

Damit führte er treffsicher in die Themen des preisgekrönten Buches ein. In seiner Festrede beschrieb Oliver Jens Schmitt in klaren Argumentationsbögen, nach welchem zentralen Kriterium sich die politisch-kulturellen Räume Nord-, Ost- und Südosteuropas herausgebildet und voneinander abgegrenzt haben: durch eine gelebte politische Kultur der Mitbestimmung, des Debattierens, des Verhandelns und der Verrechtlichung politischer Entscheidungsprozesse. Das sind europäische Kernerrungenschaften, ohne die die Orientierung an Freiheit und Recht nicht denkbar wäre. Gerade diese Errungenschaften werden heute durch Oligarchisierung, Autoritarismus und Militarismus herausgefordert.

Geschichte ist damit wieder zu einer politischen Ressource geworden – nicht zuletzt, weil autoritäre Regime historische Narrative gezielt für ihre Politik einsetzen. Die Geschichtswissenschaft stellt daher heute wieder unverzichtbares Wissen zur Verfügung, um solche Narrative, Propaganda und Weltbilder kritisch einordnen zu können.

Zum Abschluss seiner Festrede sprach Oliver Jens Schmitt über das Buch selbst. Warum es unverzichtbar ist, dass Wissenschaft mit der Gesellschaft ins Gespräch kommt, und welche Rolle das Buch dabei spielt, zeigt der Schlussteil des Videos.

Projektleitung

Michael Rosecker

Dr. Michael Rosecker

Stv. Direktor, Bereichsleitung Politische Aus- und Weiterbildung und Grundlagenarbeit