Die große Verantwortung der Männer
Am 28. November 2026 können engagierte Männer bei einer Kundgebung unter dem Motto „Männer gegen Gewalt an Frauen“ auf der Wiener Ringstraße vor dem Parlament Haltung zeigen. Dass es Kundgebungen wie diese überhaupt braucht, zeigen die vielen schweren Fälle in den Medien sowie die hohe Zahl an Gewaltdelikten in der Kriminalstatistik.
90 % der Gewaltausübenden sind laut Simon Březina von White Ribbon Männer, die diese Gewalt gegen Frauen wie auch gegen Männer ausüben. Für Frauen sind die vermeintlich sicheren vier Wände der gefährlichste Ort, während Männer Gewalt vor allem in der Öffentlichkeit erleben, etwa bei Überfällen oder Schießereien. Eine “Schießerei” – vielmehr ein Massenmord an jungen Frauen in einer polytechnischen Schule in Montreal im Jahr 1989 – war der Grund für die Gründung von White Ribbon.
Die weiße Schleife (White Ribbon) am Revers von Männeranzügen steht symbolisch dafür, dass ihre Träger männliche Gewalt gegen Frauen verurteilen und sich verpflichten, Zivilcourage zu zeigen: Widerspruch zu leisten in Männerrunden, wenn Frauen abgewertet werden, oder bei akuter Gewalt Hilfe zu holen, aber nicht selbst einzugreifen.
Konzepte der Caring Masculinities
Als Wurzel dieser Gewaltauswüchse sahen Forscher:innen zugespitzte Rollenvorstellungen, die sich beständig in der Gesellschaft halten. Dem setzten Forscher:innen wie Michael Messner Ende der 1990er-Jahre das Konzept des Dreiecks der Männlichkeit entgegen, ein Vehikel für emanzipatorische Männerarbeit. Das Dreieck lädt ein, bei Männern mehrere Perspektiven mitzudenken. So haben Männer institutionalisierte Privilegien schlicht dadurch, wie unsere Gesellschaft organisiert ist. Eine andere Perspektive richtet den Blick auf die hohen Kosten für Männer selbst, aber auch für die Gesellschaft, die mit sehr zugespitzten Männlichkeitsanforderungen einhergehen. Březina nennt hier höhere Selbstmordraten, eine geringere Lebenserwartung, durch den Umstand, dass Männer früher sterben oder die Tatsache, dass sie wenig belastbare, positive, tiefe Beziehungen pflegen. Und zuletzt gibt es viele unterschiedliche Arten, Männlichkeit zu erleben (etwa bei Anwält:innen in klimatisierten Büros im Vergleich zu Saisonarbeiter:innen, die auf dem Feld arbeiten).
… es gibt diesen etwas schrägen Satz zu sagen, Männer sind sich untereinander unterschiedlicher, als sie sich von Frauen unterscheiden.
Was gehört zum Mannsein? Sei kein Mädchen und Respekt
Eine repräsentative Befragung der Organisation Equimundo (2018) in den USA, Mexiko und Großbritannien von über 6.000 Teilnehmern lieferte Antworten auf diese Frage. Die Antworten wurden zu sieben Säulen zusammengefasst und nach Priorität gereiht:
- Eigenständigkeit: Ein Mann soll seine Probleme selbst lösen, unabhängig sein, nicht über seine Probleme reden und nicht um Hilfe bitten
- Stark sein: Ein Mann soll nicht zeigen, wenn er nervös ist.
- Gut aussehen: Ein Mann muss gut aussehen, aber bemühen darf er sich nicht zu sehr darum.
- Alleinverdiener: Ein Mann darf keine Hausarbeit leisten, da dies als unmännlich gilt.
- Heterosexualität und Homophobie: Alles, was nicht männlich ist, gilt auf den ersten Blick als „schwul“ und damit als nicht „echt“ männlich.
- Hypersexualität: Ein Mann soll viele Sexualpartnerinnen haben und immer bereit sein für Sex.
- Aggression und Kontrolle: Ein Mann soll in seiner Beziehung das letzte Wort haben. Wenn er keinen Respekt bekommt, soll er Gewalt anwenden. Außerdem soll er immer wissen, wo sich seine Freundin gerade befindet.
Männer stehen unter Druck, nicht auf ihre eigenen Grenzen zu achten. Die Auseinandersetzung mit den eigenen Bedürfnissen fehlt, und dadurch wird es im Prozess des Erwachsenwerdens immer schwieriger, aus diesen Rollen auszubrechen. Umso wichtiger ist es, genau auf diese Muster und damit Antreiber in der Gesellschaft zu schauen, sie zu reflektieren und sich als Mann aktuell mit Männlichkeitsanforderungen auseinanderzusetzen.
Männlichkeiten und die patriarchale Dividende
Ob sie es wollen oder nicht: Männer sind grundsätzlich als Teil der Gesellschaft durch eine patriarchale Dividende bevorteilt. Das lässt sich monetär an den Zahlen des Gender Pay Gaps oder des Pension Gaps ablesen. Es lässt sich auch auf anderen Ebenen nachvollziehen, wenn es um Aufmerksamkeit oder Anerkennung geht oder um die Freiheit, keinen Übergriffen ausgesetzt zu sein.
Da Männer aber durchaus unterschiedlich sind, hat die australische Forscherin Raewyn Connell verschiedene Formen von Männlichkeit, wie etwa die hegemoniale Männlichkeit, in die Diskussion eingebracht, um diese Unterschiede sichtbar zu machen.
Zur Gruppe der Mitschwimmer-Männlichkeit zählt Březina Männer, mit denen wir aktuell in der Öffentlichkeit zu tun haben. Es sind Männer, die oft gut bezahlte Jobs haben, finanziell abgesichert sind und häufig eine höhere Bildung genossen haben. Sie müssen sich wenig mit Männlichkeit auseinandersetzen. Sie haben die Möglichkeit, sich außerhalb patriarchaler Ansprüche an Männlichkeit zu bewegen, weil sie über die nötigen Ressourcen und die entsprechende Sicherheit verfügen.
Im Vergleich dazu haben es Männer in der Gruppe der marginalisierten Männlichkeit nicht so leicht, weil sie meist aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Einkommens an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Sie verrichten häufig körperliche Arbeit, die schlechter bewertet wird. Březina schildert, dass die Dividende in diesen Fällen wichtiger wird und sie in ihrer Arbeit mit marginalisierten Männlichkeiten oft mit viel starreren Männlichkeitskonzepten konfrontiert sind. Diese Männer verfügen über einen engen Handlungsspielraum und können gegenüber Arbeitgeber:innen schwerer argumentieren, dass sie in Väterkarenz gehen möchten.
Eine Gruppe, die Connell in einer später publizierten Neuauflage hinzugefügt hat, sind die Protestmännlichkeiten. Diese Männer widersetzen sich patriarchalen Dynamiken und versuchen, in ihrem Wirkungsbereich Dinge anders anzulegen und zu gestalten. Ihr aktives Handeln im Alltag und in ihren Strukturen macht den entscheidenden Unterschied zu jenen, die sich lediglich positionieren.
Konzept der Caring Masculinities
Der wissenschaftliche Ansatz zu den protestierenden Männlichkeiten ist das Konzept der Caring Masculinity. Es lässt sich durch drei Handlungsweisen beschreiben:
- Männlichkeit, die fürsorglich ist
- Männlichkeit, die sich um andere sorgt
- Männlichkeit, die sich um andere kümmert
Dazu gehören engagierte Väter, die Verantwortung übernehmen und keine bloßen Hilfskräfte der Mütter sind. Sie haben eigene Bereiche, für die sie primär die Verantwortung für ihre Kinder übernehmen. Sie entscheiden sich bewusst für Sorgeberufe. Sie hierarchisieren und taxieren einander nicht, sondern gehen auf eine fürsorgliche, empathische und zugewandte Art miteinander um. Sie setzen sich für Gleichstellung und Gerechtigkeit ein und lehnen damit Dominanz und damit auch Gewalt als Ganzes ab.
Vorträge von Tara Pire, Obfrau von Poika, Verein zur Förderung von gendersensibler Bubenarbeit in Erziehung und Unterricht und Simon Březina, Mitarbeiter beim Verein White Ribbon Österreich.
Burschenarbeit beim Verein Poika
Dass es dieses Verständnis schon sehr früh braucht und Erziehung sowie das soziale Umfeld eine wichtige Rolle spielen, ist zentral. Einen enorm wichtigen Beitrag leistet in dieser Arbeit der Verein Poika mit Co-Geschäftsführerin Tara Pire. Sie gehen in Schulen und andere Bildungseinrichtungen und sprechen mit Burschen unter 14 Jahren über ihr Leben, ihre Gefühle und darüber, welche Gefühle sie überhaupt zeigen dürfen. Mit Methoden wie dem Wuttrichter machen sie die Vielfalt der Emotionen sichtbar, die Buben erleben, und geben diesen Emotionen einen Namen.
Was uns sehr oft mittlerweile in der Praxis begegnet, ist das junge Buben glauben, dass mit der Erfüllung gewisser Männlichkeitsanforderungen auch ökonomischer Erfolg bzw. gesellschaftlicher Status einhergeht.
Pire thematisiert die Manosphere und Influencer, die ihr Geschäftsmodell aggressiv verbreiten und versuchen, junge Buben zu erreichen. Und während laut aktueller Ö3-Jugendstudie 25 % der Jugendlichen traditionelle Rollenverteilung gut finden, stehen diesen viele andere Jugendliche gegenüber, die nicht mehr „wie früher“ leben wollen.
Conclusio
Was unsere Gesellschaft stark macht und stark gemacht hat, war der Gedanke einer Aufklärung und Weiterentwicklung. Damit einher gingen viele Role Models, die sich genau dieser Herausforderung gestellt haben: das Konzept der Caring Masculinities trotz der Widerstände und Ressentiments im Beruf und in der Gesellschaft im eigenen Leben umzusetzen. Aktuell stehen diese Bemühungen nicht im Vordergrund, weil grundlegende Sicherheits- und Friedensfragen sie überdecken. Umso mehr sind Männer gefordert, klare gleichstellungspolitische Vorstellungen nicht nur für sich zu entwickeln, sondern sie auch in ihrem Wirkungsbereich einzubringen. Sie können Reflexionsräume für Männer öffnen, durch zivilcouragiertes Handeln Gewalt unterbinden und in Männerrunden durch Widerspruch zeigen, dass nicht alle frauenabwertendes Verhalten teilen. Sie können Vier-Augen-Gespräche mit Männern führen, die frauenabwertendes Verhalten setzen und so – oder auf vielen anderen Wegen – ein geschlechterdemokratisches und gleichgestelltes Zusammenleben ermöglichen.