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Ein post-kolonialer Konflikt? Russland, Imperialismus und der Krieg gegen die Ukraine

Russlands Krieg gegen die Ukraine wird häufig unter den Gesichtspunkten von Sicherheit, Geopolitik und Völkerrecht diskutiert. Doch lässt er sich auch als postkolonialer Konflikt verstehen? Spiegelt die Invasion den Versuch wider, den imperialen Einfluss Russlands wiederherzustellen und eine Einflusssphäre über die eigenen Grenzen hinaus aufrechtzuerhalten? Was sagt Russlands Vergangenheit über seine Ambitionen in der Gegenwart aus?

Am 15. Juni 2026 diskutierten wir am Campus Altes AKH der Universität Wien über das Verhältnis von Imperialismus, Kolonialismus und dem Krieg gegen die Ukraine. Zu den internationalen Expert:innen gehörten Volodymyr Yermolenko, der Präsident von PEN Ukraine, Olesia Isaiuk vom Nationalmuseum für die Opfer der Besatzungsregimes in Lviv, Donnacha Ó Beacháin von der Dublin City University sowie Taras Kuzio von der Nationalen Mohyla Akademie in Kyiv. Die Tagung wurde von der Universität Wien und der Österreichisch-Ukrainischen Historischen Kommission in Kooperation mit dem Karl-Renner-Institut organisiert. Die wissenschaftliche Leitung hatte Wolfgang Mueller, Professor für Russische Geschichte am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien.

Merkmale des russischen Imperialismus

Volodymyr Yermolenko, Präsident von PEN Ukraine, skizzierte folgende vier Eigenheiten des russischen Imperialismus: Zum einen setze dieser auf Gleichmachung, d. h., dass den kolonialisierten Gesellschaften nicht das Recht zugestanden werde, anders bzw. eigenständig zu sein. Zweites Merkmal sei die Bereitschaft zu extremer Gewaltausübung der Herrschenden nach innen, während sie sich nach außen zivilisiert zeigten. Drittens kenne der russische Imperialismus keine Grenzen; das Land möchte sich immer weiter ausdehnen und würde sich beispielsweise nicht mit dem Donbas zufriedengeben. Viertens setze Russland auf eine Reimperialisierung der internationalen Ordnung, also eine Weltordnung, die wieder stärker von Großmächten, Einflusszonen und neuen Imperien geprägt sei.

Der Krieg als Ausdruck eines imperialen Herrschaftsmodells

Daraus folgerte Yermolenko, dass der Krieg gegen die Ukraine nicht allein ein territorialer oder geopolitischer Konflikt sei, sondern Ausdruck des russischen Imperialismus. Russland versuche, die politische und kulturelle Eigenständigkeit der Ukraine zu zerstören und seine imperiale Einflusssphäre wiederherzustellen. Dabei gehe es nicht nur um die Kontrolle von Territorien, sondern auch um die Verdrängung ukrainischer Identität und die Leugnung des Rechts der Ukraine, eine eigenständige Nation zu sein. Yermolenko warnt daher vor einer Rückkehr zu einer internationalen Ordnung, in der Großmächte ihre Einflusssphären auf Kosten der Souveränität kleinerer Staaten ausweiten.

Im Laufe des Herbsts 2026 werden weitere Videomitschnitte der Tagung und Vorträge weiterer Referent:innen online gestellt.

Welcome

Wolfgang Mueller
Professor of Russian History, Institute of East European History, University of Vienna

Gerhard Marchl
Karl-Renner-Institut, Vienna

Discussants

Volodymyr Yermolenko 
President, PEN Ukraine

Olesia Isaiuk
Historian, National Memorial Museum "Lontskoho Prison", Lviv, Ukraine

Donnacha Ó Beacháin
Professor of Politics, School of Law and Government, Dublin City University, Irland

Taras Kuzio
Professor of Political Science, National University of Kyiv-Mohyla Academy, Kyiv, Ukraine

Die Veranstaltung wurde in Zusammenarbeit mit dem Institut für Osteuropäische Geschichte an der Universität Wien, der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien und der Österreichisch-Ukrainischen Historischen Kommission organisiert.

Mit freundlicher Unterstützung des Bundesministeriums für europäische und internationale Angelegenheiten.