EU35 im Jahr 2035? Traum, Illusion oder Realität
Wie wird sich die Europäische Union im kommenden Jahrzehnt politisch entwickeln? Und welche Auswirkungen haben Wahlen, veränderte politische Mehrheiten und unterschiedliche Interessen der Mitgliedstaaten auf die Handlungsfähigkeit der EU? Welchen Weg wird die EU bei ihrer Erweiterung in den kommenden Jahren einschlagen?
Mit diesen Fragen beschäftigten wir uns gemeinsam mit Ivan Krastev (Institut für die Wissenschaften vom Menschen, IWM), der schwedischen Diplomatin Annika Ben David und der politischen Geographin Luiza Bialasiewicz (Ca' Foscari Universität Venedig) bei einer Diskussion am 28. September in der Wiener Urania.
Die englischsprachige Veranstaltung bildete den Abschluss und Höhepunkt der Vienna Peace and Security Talks 2026.
Ivan Krastev: Drei Szenarien für die EU
In seiner Keynote betonte Ivan Krastev die Bedeutung der kommenden Wahlen in Spanien, Frankreich, Italien und Polen für die weitere Entwicklung der EU. Russland könnte nicht nur durch seine militärischen Angriffe auf die Ukraine, sondern auch durch Sabotage und Desinformation die europäische öffentliche Meinung negativ beeinflussen. Die Gefahr, dass bei den anstehenden Wahlen rechte oder rechtsextreme Parteien, die nicht unbedingt pro-russisch, aber auch nicht pro-ukrainisch eingestellt sind, an die Macht kommen könnten, würde damit weiter steigen. Dies hätte weitreichende Folgen für die Unterstützung der Ukraine und für die europäische Einigung.
Für die Zukunft der EU präsentierte Krastev drei Szenarien:
- Lähmung/Desintegration: Die EU könnte durch nationalistische Regierungen und wachsende Interessengegensätze zunehmend handlungsunfähig werden, ohne dass einzelne Staaten formal austreten.
- Fragmentierung und tiefere Integration: Mehrere Staatengruppen könnten sich in unterschiedlichen Bereichen – etwa Verteidigung, Kapitalmarkt oder Ukraine – enger zusammenschließen; dieses Szenario ist für Krastev das wahrscheinlichste.
- „Brüsseler Modell“: Die EU-Institutionen könnten versuchen, alle Staaten zusammenzuhalten, zugleich aber flexible Formen der Integration und Assoziierung ermöglichen, etwa für die Ukraine.
Schweden: Geschlossen für Ukraine und EU-Erweiterung
Annika Ben David machte deutlich, dass in Schweden ein breiter parteiübergreifender Konsens für eine starke Verteidigung, die Unterstützung der Ukraine, Druck auf Russland und die EU-Erweiterung bestehe. Letztere sei eine strategische Notwendigkeit, die Europa sicherer, stabiler und wohlhabender machen solle. Es brauche aber einen leistungs- und reformbasierten Beitrittsprozess. Als besondere Stärke Schwedens nannte die Botschafterin die hohe gesellschaftliche Resilienz gegenüber Desinformation und hybriden Bedrohungen sowie die anhaltend starke Unterstützung für die Ukraine – eine Haltung, die sie ausdrücklich als Realpolitik und nicht als Naivität verstehe.
Gesellschaftliche Resilienz und politische Polarisierung
Luiza Bialasiewicz griff Krastevs Warnungen auf, indem sie darauf hinwies, dass die Unterstützung für die Ukraine in Polen und anderen europäischen Ländern nicht selbstverständlich sei, da Desinformation, Migration, wirtschaftliche Sorgen und Kriegsmüdigkeit die öffentliche Meinung zunehmend beeinflussen würden. Besonders kritisch sah sie die Entwicklung in Italien, wo die Ukraine-Frage zunehmend politisch verdrängt oder als fremdes Problem dargestellt werde.
Vienna Peace and Security Talks
Die Diskussion bildete den Höhepunkt der diesjährigen Ausgabe der Vienna Peace and Security Talks, die der Ukraine gewidmet waren. Bei den Panels ging es um die innenpolitischen Entwicklungen und den Zustand der Demokratie in der Ukraine, die Aussichten für die Friedensbemühungen sowie um die neue Sicherheitsarchitektur im Norden und Nordosten Europas.
Rund 40 Expert:innen aus dem In- und Ausland nahmen an der Tagung teil, die vom Karl-Renner-Institut gemeinsam mit dem International Institute for Peace (IIP) und dem FES Regionalbüro für Internationale Zusammenarbeit (FES ROCPE) organisiert wurde.
Zusammenfassung der Tagung (in englischer Sprache)
Welcome
Michael Meier
Head of FES Regional Office for International Cooperation, Vienna
Sascha Obrecht
Director of the Karl-Renner-Institut, Vienna
Keynote
Ivan Krastev
Permanent Fellow at the Institute of Human Sciences (IWM), Vienna
Discussants
Annika Ben David
Permanent Representative of Sweden to the International Organizations in Vienna
Luiza Bialasiewicz
Professor of Political and Economic Geography, Ca' Foscari University of Venice
Moderation
Hannes Swoboda
President of the International Institute for Peace (IIP), Vienna
Die Diskussion in englischer Sprache fand in Kooperation mit dem FES Regional Office for International Cooperation in Vienna (FES ROCPE) und dem International Institute for Peace (IIP) statt.