Nikolaj Schultz: Wie das Klima die Gesellschaft fragmentiert – und was wir dagegen tun können
Am 16. April 2026 durften wir den dänischen Soziologen Nikolaj Schultz im Karl-Renner-Institut begrüßen, der zu dieser Frage eine Keynote hielt. Im Anschluss wurde das Thema in einer hochkarätig besetzten Paneldiskussion mit zwei weiteren Gästen vertieft. Im Zentrum des Abends standen die drängenden Fragen der Klimakrise und mögliche Lösungen für den gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Umgang damit.
Nikolaj Schultz über „klimatische Spaltungen“
Nikolaj Schultz machte am Beispiel einer hitzig debattierten Hafenerweiterung in seiner Heimatstadt Aarhus den neuen „geo-sozialen Klassenkampf“ greifbar. Seine soziologische Diagnose: Die Klimakrise spaltet uns nicht nur gesellschaftlich – in diejenigen, die produzieren wollen, und diejenigen, die Lebensraum schützen wollen –, sondern auch innerlich. Dieses Phänomen bezeichnet er als „klimatische Fragmentierung“. Mit seinen Beobachtungen möchte er uns eine Anleitung geben, wie wir mit diesen gewaltigen gesellschaftlichen Umbrüchen umgehen können. Dem Publikum gab er daher folgendes Bild mit auf den Weg:
Wenn man ein Schiff steuern will, ist es ratsam, sich zunächst zu vergewissern, wie die Wellen brechen. Und wie jede gute Schneiderin weiß: Wenn man ein Stück Stoff, das zerrissen ist, wieder zusammennähen will, ist es ratsam, sich zunächst anzusehen, wie es gerissen ist. Vielleicht gilt das auch für unser existenzielles und soziales Gefüge.
Eindrücke aus dem Panel: Neue Paradigmen und mehr Demokratie
Wie flicken wir dieses zerrissene Gefüge nun wieder zusammen? Darüber diskutierten im Anschluss Sigrid Stagl (Ökonomin und „Wissenschaftlerin des Jahres 2024“) sowie Jürgen Czernohorszky (amtsführender Stadtrat der Stadt Wien für Klima, Umwelt, Demokratie und Personal) gemeinsam mit Nikolaj Schultz. Moderiert wurde das Panel von Sebastian Schublach, Bereichsleiter für Internationale Politik am Karl-Renner-Institut.
Den Einstieg bildeten sehr persönliche Einblicke in verschwundene Kindheitslandschaften. Nach dem Vortrag von Schultz wurde deutlich, wie sehr sich unsere heimischen Naturräume im Laufe der Zeit durch die ökologische Krise verändert haben. Dies wurde anhand verschiedener Beispiele veranschaulicht: Sei es die sich wandelnden Wälder im Waldviertel bei Sigrid Stagl oder die zunehmende Versiegelung in der Oststeiermark, in der Jürgen Czernohorszky aufwuchs.
Das Klimadilemma überwinden: Warum ein Paradigmenwechsel nötig ist
Wie Nikolaj Schultz in seinem viel beachteten Buch „Landkrank” beschreibt, stecken wir im Alltag oft in einem unauflösbaren Täter-Opfer-Dilemma: Wir sind durch unseren Konsum Verursacher der Krise und leiden gleichzeitig selbst unter ihren Folgen. Wie können wir dieses Dilemma überwinden und die Wirtschaft so neu denken, dass wir nicht länger unsere eigenen Lebensgrundlagen zerstören?
Sigrid Stagl machte deutlich, dass es dafür ein grundlegend neues Paradigma brauche. Der klassische volkswirtschaftliche Denkrahmen, der reines Konsumwachstum mit Nutzen gleichsetzt, sei zu eng und liefere keine Antworten mehr. Es reiche heute nicht mehr aus, lediglich „keinen Schaden anzurichten“ – es brauche ein zwingend regeneratives Wirtschaften. Sie verwies dabei auf Ansätze wie die „Foundational Economy“ (Alltagsökonomie), die Orientierung an harten biophysischen Grenzen und den Ausbau der Kreislaufwirtschaft, die aktiv auf die Erneuerung unserer Lebensgrundlagen abzielen.
Partizipation als Schlüssel zur Transformation
Eine weitere zentrale Frage des Abends war: Wie kann ein derart radikaler sozioökologischer Umbau gelingen und wie können dabei möglichst viele Menschen mitgenommen werden?
Laut Sigrid Stagl sind dafür echte Bürger:innenbeteiligungsprozesse entscheidend. Aus ihrer Arbeit in Gemeinden berichtete sie, wie Menschen in solchen Formaten zusammengebracht werden, um von Grund auf zukunftsfähige und generationengerechte Ideen zu entwickeln:
Ich glaube, dass wir viel mehr von so Visioning-Prozessen, partizipative Prozesse, gemeinsames Nachdenken über positive Zukunftsbilder brauchen […] Das ist so cool, wenn Menschen die Möglichkeit haben mitzugestalten, wie kreativ, wie konstruktiv sie sind.
Jürgen Czernohorszky schloss sich dem an und fügte in Bezug auf die sozioökologische Transformation hinzu:
Die einzige Antwort auf demokratische Herausforderungen oder Demokratie in der Krise ist mehr Demokratie.
Seiner Meinung nach lassen sich die aktuellen Krisen nur bewältigen, indem man stärker an den demokratischen Aushandlungsprozessen arbeitet. Am Beispiel der Stadt Wien zeigte er gleichzeitig ein handfestes Demokratieproblem auf, das durch das restriktive Staatsbürgerschaftsrecht entsteht: Mehr als ein Drittel der Wiener Bevölkerung darf nicht wählen, darunter rund 40 Prozent der jungen Menschen und 80 Prozent der Hilfsarbeiter:innen. Für Czernohorszky wird dadurch deutlich, dass Klimapolitik, soziale Fragen und demokratische Teilhabe untrennbar miteinander verbunden sind.
Hoffnung, Ideen und europäische Verantwortung
Gibt es trotz dieser tiefen Risse Hoffnung für die Zukunft? Das Panel war sich einig: Ja!
Auch wenn wir uns noch in einem ausbeuterischen Produktionssystem befinden, gibt es klare Wege nach vorn. Nikolaj Schultz betonte, dass Europa nun geopolitisch Verantwortung übernehmen und die zivilisatorischen Probleme selbstbewusst lösen müsse – gerade in einer Phase, in der transatlantische Allianzen Risse bekommen. Sigrid Stagl ergänzte, dass ein regeneratives Wirtschaften Europa nicht nur nachhaltiger, sondern auch souveräner und wettbewerbsfähiger machen wird. Jürgen Czernohorszky hob hervor, dass Städten wie Wien bei der Lösungssuche eine globale Schlüsselrolle zukommt – beispielsweise durch Initiativen wie die „Klimateams“, in denen aus Tausenden Ideen der Bevölkerung ganz konkrete Zukunftsprojekte für die Nachbarschaft entstehen.
Wir bedanken uns ganz herzlich bei unseren Gästen und dem interessierten Publikum für diesen intensiven und spannenden Abend!
Mitarbeit an Projekt und Blog: Malte Weisner, MSc
Weiterführende Links
Projektleitung