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Offline bis 14? Der Schutz von Kindern im digitalen Zeitalter

Australien gilt als Vorreiter, auch Österreich will folgen: Ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche gilt vielen als Lösung gegen Radikalisierung, Sucht und problematische Inhalte. Studien zeigen, dass junge Menschen zunehmend mit extremistischen Ideologien und Desinformationen konfrontiert sind und in digitalen Echokammern anfällig für vereinfachte Weltbilder werden. Zugleich gibt es Hinweise auf psychische und soziale Folgen der intensiven Nutzung wie Schlafmangel, Cybermobbing sowie ein erhöhtes Risiko für Angst und Depression.

Doch ist ein Verbot der richtige Weg? Was spricht dafür, was dagegen – und welche Maßnahmen sind noch nötig? Darüber diskutierten wir am 28. April mit hochkarätigen Gästen: Jörg Leichtfried, Staatssekretär für Staatsschutz im Bundesministerium für Inneres, SPÖ; Daniela Gruber-Pruner, Bundesgeschäftsführerin der Kinderfreunde Österreich, Bundesrätin, SPÖ; Matthias Jax, Projektleiter Initiative Safer Internet, Österreichisches Institut für angewandte Telekommunikation.

Warum gibt es Handlungsbedarf?

Jörg Leichtfried betonte, dass in seiner Rolle als Staatssekretär für Staatsschutz vor allem der extreme Anstieg der Radikalisierung im Vordergrund stehe – einerseits, weil mittlerweile mehr als zwei Drittel der Radikalisierung im Internet stattfinde, und andererseits, weil die Täter immer jünger werden.

Die Erkenntnis war, dass Kinder bei uns, ohne dass das Eltern bemerken, attackiert, angegriffen werden, mit Dingen konfrontiert werden, die wir uns nicht einmal vorstellen können.

Jörg Leichtfried

Angesichts der Gefahr der Radikalisierung und um die Gesellschaft vor potenziellen Gefahren zu schützen, sei, so Leichtfried weiter, die Idee entwickelt worden, eine Altersgrenze einzuführen.

Daniela Gruber-Pruner machte auf weitere Entwicklungen aufmerksam, aus denen sich Handlungsbedarf ergebe: Schon bei Kleinstkindern bis drei Jahren treten Probleme wie fehlender Augenkontakt auf. Auch neue Formen von Autismus bei Vier- bis Fünfjährigen würden mit früher Bildschirmzeit in Verbindung gebracht. Im Schulalter spiele Cybermobbing eine große Rolle, besonders während der Entwicklung der eigenen Identität, da Kinder und Jugendliche in dieser Phase stark auf positive Rückmeldungen angewiesen sind.

Wir wissen, dass sehr junge Kinder mit Inhalten konfrontiert sind, die man zu dem Zeitpunkt auch alleine noch nicht verarbeiten kann – und auch nicht soll aus meiner Sicht.

Daniela Gruber-Pruner

Die Ambivalenz digitaler Plattformen

Daniela Gruber-Pruner und Matthias Jax betonten, dass das Internet selbstverständlich auch Vorteile biete, insbesondere für Kinder und Jugendliche in vulnerablen Situationen. Sie könnten sich dort mit Gleichgesinnten vernetzen, günstig an Informationen gelangen, und auch anonym Teilhabe erleben.
Gleichzeitig wies Jax darauf hin, dass die sozialen Medien sich in den letzten Jahren stark gewandelt haben:

Social Media heutzutage ist großteils eigentlich Kurzvideonachrichtendienste. Das heißt, ich kriege im Sekundentakt Videos, die überspitzt hochkomplexe Probleme […] unserer heutigen Welt auf sehr wenige Punkte runterbrechen.

Matthias Jax

Kinder- und Jugendschutz und seine gesellschaftliche Signalwirkung

Im Hinblick auf ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche räumte Jax ein, dass sich solche Maßnahmen in der Praxis häufig umgehen lassen. Auch das Social-Media-Verbot werde umgangen werden. Allerdings gehe es vor allem darum, ein Ungleichgewicht aufzuzeigen, denn Social Media könne in der aktuellen Form nicht weiterbestehen. Ähnlich argumentierte Leichtfried: Jugendschutzbestimmungen würden zwar umgangen, hätten aber dennoch eine wichtige Signalwirkung. Sie erhöhen die gesellschaftliche Akzeptanz, erleichtern Eltern die Grenzsetzung und schaffen klare rechtliche Grundlagen gegenüber Plattformen.

Eltern und andere erwachsene Bezugspersonen brauchen laut Jax ein Verständnis dafür, dass Kinder und Jugendliche das Internet und Social Media so nutzen werden, wie sie es vorgelebt bekommen. Zudem gelte es, unser grundlegendes Verständnis davon, wie wir in unserer Gesellschaft mit unseren Werten leben wollen – auch im digitalen Raum –, unseren Kindern mitzugeben.

Verbot unumgänglich, weitere Maßnahmen nötig

Die Diskussion endete mit dem einhelligen Befund, dass ein Verbot unumgänglich ist. Jax nannte es aufgrund der Herausforderungen eine „Notbremse“. Jedoch dürfte die Reglementierung nur der vorläufige Abschluss der Diskussion sein. Das Aufkommen von KI und Chatbots sowie deren steigende Beliebtheit und fehlende Alterskontrollen seien weitere Herausforderungen, die besprochen werden müssten. Doch auch hier gelte: Es sei, so Jax, die Pflicht einer Gesellschaft, also von uns allen, auch in Zukunft problematischem Onlineverhalten entgegenzuwirken.

Wir bedanken uns herzlich bei unseren Gästen sowie beim interessierten Publikum für die Fragen und den lebhaften Abend.

Mitarbeit an Projekt und Blog: Malte Weisner, MSc

Projektleitung