Springe zum Hauptmenü Springe zum Inhalt Springe zum Fußzeilenmenü

Würdigung und Kritik eines politischen Lebenswerks

Präsident Wolfgang Sobotka bezeichnete Karl Renner am 4. Jänner 2026 in einem Interview im Kurier als einen „bekennenden Antisemiten“. Daraufhin wurde am 12. Jänner eine Replik von Michael Rosecker veröffentlicht.

Ist Karl Renner ein „bekennender Antisemit“, wie Präsident Wolfgang Sobotka meinte? Nein. Diese Zuschreibung ist historisch nicht haltbar. Sie folgt einer geschichtspolitischen Strategie, die darauf abzielt, den weltanschaulich und politisch geförderten Antisemitismus der Christlichsozialen in der Monarchie und der Ersten Republik mit der politischen Praxis anderer Parteien und Persönlichkeiten gleichzusetzen. Als rhetorischer Hebel dient dabei häufig die Gleichsetzung von Karl Lueger und Karl Renner. Unterschiedliche historische Kontexte, Politikverständnisse und politische Praktiken werden vermengt. So soll die relativierende Schlussfolgerung provoziert werden, dass zahlreiche Akteure der Geschichte gleichermaßen belastet seien und folglich identisch zu beurteilen wären. Eine Entscheidung für oder gegen Lueger gelte dann für alle.

Punzierung und Dekonstruktion, die Feindbilder verfestigte

Ja, auch die Sozialdemokratie und die Arbeiter:innenbewegung waren in der Zwischenkriegszeit nicht frei von problematischen Sprachbildern und nicht völlig immun gegen antisemitische Denkmuster. In ihrer antikapitalistischen Agitation griffen beide – wie viele Politiker und Intellektuelle jener Zeit – auf Elemente des vom Antisemitismus geprägten politischen Diskurses zurück, ohne von persönlichem Ressentiment oder antisemitischer Überzeugung getragen zu sein. 

Ein zentrales Motiv dafür war die systematische Diffamierung der Sozialdemokratie als „Judensozi“ oder „Judenschutztruppe“ durch bürgerliche Parteien, in deren Programmatik Antisemitismus ein tragendes Element war. Um diese Punzierung abzuwehren – die Mobilisierungskraft des Antisemitismus war enorm, die sozialdemokratische Angst davor ebenso – setzte man in den 1920er- und 1930er-Jahren auf polemische Zuspitzung und sarkastische Gegenangriffe. 

Damit sollte der Antisemitismus der politischen Gegner als verhetzendes Instrument der Massenmobilisierung bloßgestellt werden. Auch Karl Renner bediente sich solcher Rhetorik. Diese Äußerungen sind kritisch zu analysieren und zu bewerten; die Strategie erwies sich vor allem als politisch kurzsichtig, da sie antisemitische Mobilisierung nicht entlarvte, sondern mitunter zur Verfestigung entsprechender Stereotype beitrug.

Kritischer Umgang mit der eigenen Vergangenheit

Antisemitismus war keine zentrale Kategorie in Karl Renners Politikverständnis und keine innere Triebkraft seines Denkens oder Handelns. Er erkannte darin immer das Mobilisierungspotenzial und die damit verbundene zerstörerische Wirkmächtigkeit. Seine politischen Leistungen als Staatskanzler in den Jahren 1918 und 1945 schufen demokratisch-republikanische Grundlagen, die Österreich bis heute prägen. Vor allem errichtete er 1945 ein Fundament, das die Erfolgsgeschichte der Zweiten Republik erst ermöglichte. Sein publizistisches Gesamtwerk umfasst Schriften, die bis heute gesellschaftlich relevant sind und in andere Sprachen übersetzt werden. Ja, seine Politik beinhaltet auch belastende Fehlentscheidungen und problematische Ambiguitäten, aber keine ideologische Grundorientierung an Ausgrenzung oder gesellschaftlicher Spaltung. 

Was zu würdigen ist, wird gewürdigt; was zu kritisieren ist, wird kritisiert. Die Sozialdemokratie stellt sich den Ambivalenzen ihrer Geschichte bis heute und unterzieht sie einer kritischen historischen und politischen Analyse. Dies zeigt sich in der intensiven Aufarbeitung der lange betriebenen Verdrängung österreichischer Mittäterschaft an den NS-Verbrechen, der Verschleppung der Frage der Restitution jüdischen Eigentums und der „Reintegration“ ehemaliger Nationalsozialisten nach 1945. Auch die wissenschaftlich-kritische Auseinandersetzung mit dem Leben und Wirken von Karl Renner belegt diesen Zugang zur eigenen Vergangenheit.

Ob das alle historischen Parteien in Österreich für sich in Anspruch nehmen können?