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Gefühle erkennen und benennen

Grundsätze des Gewaltschutzes und der Antigewaltarbeit

Probleme gehören zum Leben. Entscheidend ist, wie wir mit ihnen umgehen: Suchen wir nach Lösungen, verlieren wir uns in ihnen oder gelingt es uns, aus ihnen zu lernen?

“Blueprints” und “No Sissy Stuff”

Dass Geschlechterunterschiede beim Thema Gewalt sichtbar werden, liegt unter anderem an einer einseitigen Sozialisation. In den 1970er-Jahren sprachen amerikanische Forscher:innen von “Blueprints”, sogenannten Kopiervorlagen.

Männliche Sozialisation vermittelt häufig ein bestimmtes Rollenbild: Männer sollen hart sein, erwerbstätig und unabhängig. Gefühle zu zeigen oder sich um andere zu kümmern, passt in diesem Bild oft nicht dazu. Die Vorstellung, unverwundbar sein zu müssen (“be a sturdy oak“), wird zum Leitmotiv.

Ein zentraler Bestandteil dieses Rollenbildes ist die Abgrenzung von allem, was als weiblich gilt. Unter dem Schlagwort “No Sissy Stuff“ wird vermittelt, dass Männer alles Weibliche von sich weisen müssen.

Eine latente Gewaltbereitschaft schließt das nicht aus (“give ‘em hell“). Erkennbar sind diese Muster laut dem Psychologen Christian Scambor an Daten, etwa an der geringeren Lebenserwartung von Männern, die unter anderem auf Unfälle bereits in jungen Jahren, das Konsum- oder Freizeitverhalten und die Risikobereitschaft zurückzuführen ist.

Gewalt im sozialen Nah- und im öffentlichen Bereich

Gewalt ist eng mit Geschlechterverhältnissen verknüpft. Die überwiegende Zahl der Gewalttaten wird von Männern ausgeübt – auch im sozialen Nahraum, etwa innerhalb der Familie. In 80 bis 90 Prozent der Fälle richtet sich die von Männern ausgeübte Gewalt gegen ihre Partnerinnen, aber auch gegen andere Familienmitglieder, insbesondere Kinder. Im öffentlichen Raum sind die Opfer körperlicher Gewalt überwiegend männlich, die Opfer sexueller Gewalt überwiegend weiblich.

Als Mann im öffentlichen Raum habe ich eine gar nicht so geringe Wahrscheinlichkeit, Opfer von Männergewalt zu werden.

Christian Scambor, Männerberatung Steiermark, Klinischer und Gesundheitspsychologe

Eine Leerstelle füllen

Hier setzt der Verein für Männer und Geschlechter (VGM) an. Die Gründer:innen nahmen eine Leerstelle wahr und erkannten, dass eine einseitige Sozialisation unter anderem zu Problemen im alltäglichen Leben führt. Der Verein wurde 1996 in der Steiermark gegründet und hat seinen Tätigkeitsbereich mittlerweile bis ins Burgenland ausgeweitet.

In interdisziplinären Teams wird dort neben der Männerberatung an Datenanalysen und -sammlungen gearbeitet, die Problemlagen aufzeigen. Ein eigenes Team beschäftigt sich mit Themen wie Forschung und Bildung und liefert Informationen für die Burschenarbeit und die Männerberatung. Ein großer Teil der Beratungen dreht sich um Beziehungsthemen wie Trennung, Scheidung und Obsorge. Weitere Schwerpunkte sind Gesundheit, Erziehung, Sexualität und psychische Probleme.

“Not all men, but always men”

Die meisten Männer sind nicht gewalttätig, auch wenn die meisten Gewalthandlungen von Männern begangen werden – diese Unterscheidung ist Scambor wichtig. Viele Männer haben selbst ein Interesse daran, bestehende Geschlechterverhältnisse zu verändern und patriarchalen Rollenbildern entgegenzuwirken. Um Gewalt zu verstehen und ihr entgegenzuwirken, braucht es einen systemischen Blick auf Geschlechterverhältnisse. Machtstrukturen sind historisch gewachsen und wirken bis heute in patriarchalen Rollenbildern fort. Wer Zivilcourage zeigen und Verantwortung übernehmen will, muss auch diese strukturelle Dimension berücksichtigen. Dabei hilft das zuletzt erwähnte Modell von Michael Messner. 

Was können Männer tun?

Viele Projekte in Österreich versammeln engagierte Männer. Die Stopp-Männerstammtische schaffen Räume, in denen Männer ihre Rollenbilder hinterfragen, Erfahrungen reflektieren und offen über persönliche Herausforderungen sprechen können. Ein weiteres konkretes Angebot der Männerberatung Steiermark ist das Next-Hero-Projekt. Mit Buben aus sogenannten Ehrkulturen wird an der Veränderung ihrer Rolle gearbeitet. Während sie im Alltag von sehr traditionellen Konzepten in eine bestimmte Richtung gelenkt werden, arbeitet der Verein daran, mit ihnen ein modernes Verständnis von Ehre zu entwickeln: „Ehre bedeutet für mich, die Freiheit meiner Schwester zu verteidigen.“

Modelle in der Männerarbeit – Antigewalttrainings

In der Täterarbeit gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze und Methoden. Frühe Ansätze konzentrierten sich häufig auf das Individuum und die Veränderung erlernter Verhaltensweisen. Ausgangpunkt war die Erkenntnis, dass patriarchale Gesellschaftsstrukturen bestimmte Einstellungen und Erwartungen an Männer vermitteln und verstärken. Der Wunsch, in Beziehungen Macht und Kontrolle auszuüben, kann damit zusammenhängen. Erlerntes Verhalten lässt sich jedoch auch verändern.

Das psychopathologische Erklärungsmodell richtet den Blick auf individuelle Risikofaktoren. Im Mittelpunkt stehen psychische Störungen, Traumata und belastende Erfahrungen, die den Umgang mit anderen Menschen beeinträchtigen können. Entsprechend setzt dieser Ansatz unter anderem auf psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlung.

In den 1990er-Jahren gewann das Toulouse-Modell an Bedeutung. Es unterstützt die Selbstreflexion und arbeitet mit zwei Perspektiven: dem Rad der Kontrolle und dem Rad der Gleichberechtigung.

Für Scambor gibt es nicht den einen richtigen Zugang zur Täterarbeit. Entscheidend ist, den jeweiligen Fall differenziert zu betrachten und die passenden Methoden zu wählen. In der Beratung verfolgt das Team deshalb einen pragmatischen, auf den Einzelfall abgestimmten Ansatz.

Die emotionale Kompetenz ausbilden

Er verweist auf das Handbuch für Gruppenarbeit von Heinrich Kraus. Im Mittelpunkt steht die emotionale Kompetenz, insbesondere die Regulierung von Emotionen und Impulsen. Im Mittelpunkt der Trainings steht die emotionale Kompetenz. Die Teilnehmer:innen lernen, ihre Gefühle wahrzunehmen, zu erkennen und zu benennen. Sie üben außerdem, die Intensität ihrer Emotionen einzuschätzen und die Vielfalt ihrer Gefühle bewusster wahrzunehmen. Methoden wie der Wuttrichter unterstützen diesen Prozess.

Opferschutzzentrierte Täterarbeit

Die zentrale Aufgabe in der Täterarbeit sieht Scambor zwischen Täterarbeit, Beratungsstellen, Opfer- und Kinderschutzeinrichtungen sowie Behörden. Durch eine koordinierte Zusammenarbeit können Gewaltdynamiken umfassend erfasst und wirksame Interventionen abgestimmt werden. 

In der Steiermark haben Michaela Gosch vom Frauenhaus und Christian Scambor ein dynamisches Modell entwickelt, das die Situation von Männern, Frauen und Kindern gemeinsam in den Blick nimmt und eine gezielte Vernetzung der beteiligten Einrichtungen vorsieht. Das Ziel ist, Gewaltkreisläufe als Ganzes zu durchbrechen. Denn Kinder sind auch dann von Gewalt betroffen, wenn sie bei einem Übergriff nicht im selben Raum sind. Sie können Gewalt miterleben, ohne unmittelbar anwesend zu sein, und dadurch belastet werden. Das kann sich unter anderem in Verhaltensauffälligkeiten zeigen.

Projektleitung

Barbara Hofmann

Mag.a Barbara Hofmann

Bereichsleitung Gleichstellungspolitik, Nachwuchsförderung und Online-Akademie