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FemLetter Nr. 1/2023

Der feministische Newsletter des Karl-Renner-Instituts
Barbara Hofmann / Karl-Renner-Institut (Hg.innen)
Wien: 2023

Einleitung

Der Internationale Frauentag steht vor der Tür und damit auch der Tag, an dem gerne mal Bilanz gezogen wird: Wo stehen wir? Wohin geht es aktuell? Was ist unser Beitrag für eine menschliche Gesellschaft? Damit verbunden ist oft ein Gefühl – ein Gefühl der Enttäuschung, der Wut und der Fassungslosigkeit, wie Rechte von Frauen mit Füßen getreten werden oder – und das ist fast noch schlimmer – völlig ignoriert werden. Dabei gibt es so viel zu tun: Vermögenssteuern, verpflichtende Karenzquoten, Sensibilisierungsmaßnahmen an Schulen sind nur einige wenige Möglichkeiten, die wir im aktuellen FemLetter besprechen. Die Themen haben sich über das letzte Jahrhundert maximal der Umgebung angepasst, die Forderungen sind aber im Kern die gleichen geblieben. Es geht den Feminist:innen um eine menschenwürdige Arbeitswelt, darum, dass Frauen Entscheidungen über ihren Körper selbst treffen können – ohne Eingriffe aus religiösen oder traditionellen Gründen, und um eine Anerkennung von Familien abseits der heteronormativen Kleinfamilie – also alles keine Weltrevolutionen. Und doch ist es schwierig, bei diesen Themen am Ball zu bleiben. Wir haben uns an einem kleinen ToDo-Überblick versucht und wünschen viel Freude beim Lesen!

Frau. Friede. Freiheit! Und einen kämpferischen 8. März wünscht

Barbara Hofmann

Nachlese

In dieser Rubrik finden sich spannende Veranstaltungen zum Nachlesen – mit Verweisen zu Videos, Fotos, Folien und Texten zu den Impulsen.

„Was wir einander schulden. Europäische Perspektiven für eine geschlechtergerechte Wohlfahrtspolitik“ (Montag, 16. Jänner 2023)

Eine Motivations- und Inspirationsquelle für Feminist:innen war zu Jahresbeginn das Barbara-Prammer-Symposium. Im inhaltlichen Zentrum stand der Sozialstaat als wesentliches Vehikel für Frauen, um strukturelle Ungleichheiten abzufedern. Ein Highlight dieses Tages war der Workshop zu Vermögenssteuern: Die ÖGB-Wirtschaftsexpertin Miriam Baghdady verwies auf einen simplen Vermögensrechner, der nicht nur einen guten Überblick zur Vermögensdefinition und -verteilung bietet, sondern auch eine gute Selbsteinschätzung. Alle Beiträge gibt es zum Nachlesen und -schauen auf renner-institut.at.

„Warum töten Männer Frauen und welche Maßnahmen braucht es, um Femizide zu verhindern?“ (Mittwoch, 23. November 2022)

5 Morde an Frauen, davon 3 Femizide, zeigen, dass der bestehende Gewaltschutz zu kurz greift. Femizid ist die Fachbezeichnung für die vorsätzliche Tötung einer Frau durch einen Mann aufgrund ihres Geschlechts. In dem spannenden Online-Talk mit den Buch-Autorinnen Margherita Bettoni und Yvonne Widler war eine Ableitung, dass „jedes Schulkind wissen sollte, was ein Femizid ist“. Gerade Männer sind gefragt, couragierten Widerspruch zu leisten, wenn sich toxische Verhaltensweisen – abwertende Kommentare, aufdringliches Verhalten und unerwünschte Berührungen – breit machen. Den Blogbeitrag zur Veranstaltung mit dem Video gibt es auf renner-institut.at.

„Automatisches Pensionssplitting – ein falsches Versprechen?“ (Donnerstag, 15. September 2022)

Das freiwillige Pensionssplitting ist gesetzlich verankert. Immer wieder lancieren konservative Politiker:innen die Forderung nach einem automatischen Pensionssplitting. Die Ökonomin Christine Mayrhuber hat in ihrem Vortrag recht eindrücklich dargelegt, dass rund zehn Prozent der Frauen 65+ weder eine Pension noch sonstige Leistungen vom Staat beziehen und damit völlig von innerfamiliären Leistungen abhängig sind. Ein automatisches Pensionssplitting hätte diesen Frauen nur dann geholfen, wenn das Partner:inneneinkommen entsprechend hoch ist. Jenen Haushalten, die ohnehin wenig zum Leben haben, hilft diese Maßnahme nicht.

Auslese

Im Rahmen unserer Arbeit stoßen wir immer wieder auf spannende Texte, Studien oder Veröffentlichungen im Internet. Eine kleine Auslese bieten wir hier.

Ergebnisse der Wiener Frauenbefragung

Die Ergebnisse der großen Wiener Frauenbefragung in Zusammenarbeit mit renommierten Meinungsforschungsinstituten sind eindrücklich: Selbst Vollzeitarbeit oder gesundheitliche Beeinträchtigungen von Frauen führen nicht zu einer gerechteren Aufteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit in Partner:innenschaften. Betreuungsarbeiten, die sich in Pandemie-Zeiten intensiviert hatten, schulterten die Frauen. Die Wohnungs-/Platzfrage ist eine Frage der finanziellen Ressourcen: Frauen mit Betreuungspflichten, Niedrigverdienerinnen, Frauen, die privat mieten und Frauen, die in Wohnungen leben, die weniger als 15 m² Freiraum pro Person haben, sind wenig zufrieden mit ihren eigenen vier Wänden.

Lernen von Norwegen: Väterquote als Turbo für Geschlechtergleichstellung?

Eine sehr aktive Gleichstellungspolitik verfolgen nordische Staaten: Norwegen führte als weltweit erstes Land 1993 eine Väterquote ein und erhöht diese seither schrittweise. Ein Rechtsanspruch auf einen ganztägigen Kinderbetreuungsplatz von der Geburt bis zum 5. Geburtstag des Kindes wurde 2009 eingeführt. Dass diese Maßnahmen ihre Wirkung entfalten, sehen wir an gesellschaftlichen Normen, die sich gewandelt haben. Das Leitbild eines Doppelverdiener:innenhaushaltes hat das Modell des männlichen Haushaltsversorgers abgelöst, Väter wie Co-Mütter gehen in Karenz, und Arbeitergeber:innen sehen es als ihre Aufgabe, das zu unterstützen.

Neues Kindschaftsrecht: Um das Wohl der Kinder geht es hier nicht

Hellhörig wurden Frauenvereine, Gewaltschutzorganisationen und Jurist:innen, als im türkis-grünen Regierungsprogramm eine Kindschaftsrechtsnovelle angekündigt wurde. Der Grund: Die Neuerungen der letzten Dekaden hatten keine positiven Auswirkungen. Eher führten sie zu langwierigeren Verfahren, horrenden Kosten und härteren Auseinandersetzungen. Ein lesenswertes Dossier fasst die Auswirkungen der bisherigen Änderungen gut zusammen.

Reinlesen

Lesenswerte Bücher gibt es wie Sand am Meer. Seien es Anregungen für die inhaltliche Auseinandersetzung, die politische Arbeit oder schlichtweg ein tolles feministisches Buch – vier ausgewählte Bücher empfehlen wir zum Schmökern.

„Wissenschaft und Politik im Dialog“, Angelika Striedinger, Maria Maltschnig, Karl-Renner-Institut (Hg.innen)

Gespräche auf Augenhöhe und ausreichend Zeit für differenzierte Analysen und Einblicke – das war eine zentrale Motivation hinter der Dialog-Reihe “Wissenschaft und Politik”. Die Gespräche von Politiker:innen und Wissenschafter:innen sind nun in gedruckter Form erhältlich und locken mit interessanten Kombinationen von Gesprächspartner:innen und in die Tiefe gehenden Analysen.

„Gleichstellungspolitiken revisted“, Angela Wroblewski, Angelika Schmidt

Das englische Wortspiel im Buchtitel ist Programm des Buches und ist jenen besonders an Herz gelegt, die in Gleichbehandlungsstellen und -einrichtungen arbeiten. Besonders spannend ist der vierte und letzte Teil des Buches, der sich noch wenig beachteten Themen in der Gleichstellungspolitik widmet. Egal, ob es sich um die Reinigungsbranche dreht oder um ländliche Entwicklungsprogramme. Die Autorinnen bieten neben einer theoretischen Herleitung konkrete Anknüpfungspunkte und einen guten Überblick über den aktuellen Stand der Gleichstellungspolitik – und an welchen Rädern weiter gedreht werden muss.

„Das Buch, das jeder Mann lesen sollte“, Feminist Lab

Es erinnert an Gerda Lerners Anregung und Aufforderung, sich ein Jahr lang mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen, nur trifft es diesmal Männer. Was und wie können Männer Feminismus unterstützen? Eine Handlungsanleitung für einen feministischen Fortschrittszyklus für Männer in vier Schritten (zuhören, lernen, reflektieren, handeln) gilt es in diesem Buch nachzulesen.

„Global Female Future“, Andrea Ernst, Ulrike Lunacek, Gerda Neyer, Rosa Zechner, Andreea Zelinka (Hg.innen)

Warum gehen Hilfsgelder aus dem Norden fast ausschließlich an Männer im Süden? Wer entscheidet über die Verteilung der Militär- und Wirtschaftsgüter – und wer profitiert davon? Warum werden die Frauen der südlichen Hemisphäre in ihrem Ringen um Einkommen und Selbstbestimmung nicht gehört? Das alles waren Fragen, die engagierte Wissenschafter:innen und Feminist:innen vor über 40 Jahren dazu brachte, die Frauen*solidarität zu gründen. Das Schöne am Buch zum Fest: Es versammelt viele kurzweilige Beiträge, der Generationengedanke wird in den einzelnen Beiträgen gepflegt und trotz der vielen endlosen, harten Kämpfe vermittelt jeder einzelne Beitrag auch den Mut, die Entschlossenheit und die positive Grundstimmung, dass auch kleine Erfolge gefeiert gehören.

Social-Media-Lese

Unmittelbar und schnell Neuigkeiten aus der ganzen Welt erfahren – die verschiedenen Formen von Social-Media-Kommunikation machen das möglich. Den Platz hier nutzen wir, um ausgewählte Beiträge vorzustellen.

Podcast-Tipp: @gyncast – der Gynäkologie-Podcast des Tagesspiegels

Einmal im Monat spricht die Chefärztin und Gynäkologin Dr.in Mandy Mangler mit den beiden Journalistinnen Esther Kogelboom vom Tagesspiegel und Anna Kemper vom ZEIT Magazin über so ziemlich alles, was für Frauen und Mädchen im Laufe ihres Lebens wichtig ist. Die Periode als Vitalitätsmesser, die Klitoris als große Unbekannte oder Therapien für Endometriose – der Podcast ist wissenschaftlich fundiert und macht neugierig auf mehr.

Tiktok-Tipp: jaxwritessongs

Dieser Tipp ist Metal-Fans gewidmet. „Ich wünschte, mir hätte das jemand gesagt, als ich 10 Jahre alt war …“ singt eine Songschreiberin auf TikTok und holt sich eine 10-jährige Sängerin dazu. Gemeinsam besingen Sie das Frauenbild und den Druck, den die Werbeindustrie mit nachträglich bearbeiteten Bildern auslöst, am Beispiel Victoria Secret. Hört rein.

Musik-Tipp: Shervin Hajipour „Baraye

Wie wichtig widerständige Kultur ist, sehen wir gut an der mit einem Grammy ausgezeichneten, inoffiziellen Hymne der Proteste im Iran. Der junge Sänger Shervin Hajipour vertonte Tweets von Iranerinnen und Iranern, in denen sie begründen, warum sie auf die Straße gehen. Baraye bedeutet „für“, „dafür“ oder „wegen“. Die schönste und traurigste Zeile kommt zum Schluss: „Für Frau, Leben, Freiheit!“

Twitter-Tipp: @paulisci „A List of things people blamed on Women“

Wofür sind Frauen nicht verantwortlich? Wenn es nach manchen Medien und Strömungen geht, tragen sie Verantwortung für alles: Für den 1. Weltkrieg, für die hohen Lebenserhaltungskosten, für schlechte Filme, für Verbrechen von Männern sowie für Sex-Endlosdiskussionen. Also sollten jemals die Argumente für die Misogynie der Welt ausgehen – hier haben wir diese schwarz auf weiß.

Projektleitung

Barbara Hofmann

Mag.a Barbara Hofmann

Bereichsleitung Gleichstellungspolitik, Nachwuchsförderung und Online-Akademie