Das Patriarchat als Todesursache
Eine Rückschau auf den feministischen Neujahresauftakt 2026, das 12. Barbara-Prammer-Symposium
Eine umfassende gesundheitliche und medizinische Versorgung ist ein Gradmesser dafür, wie gut es einer Gesellschaft geht. Werden diese Bedürfnisse eingeschränkt, lässt der Aufschrei in der Bevölkerung nicht lange auf sich warten und die Zufriedenheitswerte in der Gesellschaft befinden sich auf einer Talfahrt. Wie sehr das österreichische Gesundheitssystem unter den Regierungswechseln und -initiativen der vergangenen 25 Jahre leidet, war ein spürbares Thema bei den Vorträgen und Diskussionen am 12. Barbara-Prammer-Symposium.
Rechte Regierungen canceln Frauen
Die radikalsten Veränderungen für Frauen sind sicherlich in rechten und autoritären Regimen spürbar, wie auch die Präsidentin unseres Instituts, Doris Bures, in ihrer Begrüßung ansprach. Es gehört zum Muster rechter und autoritärer Politik, Frauenrechte einzuschränken. Das Recht auf Schwangerschaftsabbruch oder Maßnahmen für Geschlechtergerechtigkeit werden dabei immer zuerst infrage gestellt. Auch die Delegitimierung der Wissenschaft gehört zu dieser rechtsautoritären Politik.
Eine gute Nachricht für Frauen
Der Namensgeberin des Symposiums war es wichtig, einen gemeinsamen Zugang zu Themen zu finden und Kompromisse zu schließen. Dies hob auch der SPÖ-Vorsitzende Andreas Babler gleich zu Beginn seiner Rede hervor.
Es macht schlichtweg einen Unterschied, ob Feministinnen Ministerinnen sind. Dann sind wichtige Kompromisse für Frauen möglich und werden umgesetzt, wie etwa die Stärkung der Frauengesundheitsforschung und von Vorsorgeprogrammen oder konkrete Maßnahmen wie die Streichung der Umsatzsteuer auf notwendige Menstruationsprodukte.
Gewaltschutz ein Thema für Gesundheits- und Sozialpolitik
Der nationale Aktionsplan gegen Gewalt an Frauen war ein zentrales Thema. Dies betonten sowohl der Generalsekretär der europäischen Dachorganisation FEPS als auch die ehemalige Präsidentin des Weltärztinnenbundes und Keynote-Speakerin Bettina Pfleiderer. Sie zeigten sich beeindruckt davon, dass jedes Regierungsressort Maßnahmen erarbeitet und in den Aktionsplan eingebracht hatte. Damit nimmt Österreich wieder eine Innovationsrolle in der Frauenpolitik wahr, für die es früher bekannt war – Stichwort Vorreiterrolle beim Thema Gewaltschutz.
Auch im Gesundheitssystem gibt es wichtige Handlungsfelder, um eine ausreichende Versorgung von Frauen zu gewährleisten. Sozial- und Gesundheitsministerin Korinna Schumann konzentriert sich in ihrer Arbeit auf die Defizite in der Ausbildung, Diagnostik und Medikamentenversorgung, von denen Frauen besonders betroffen sind.
Schlechtere Gesundheitsversorgung mit all den Konsequenzen
Dass Frauen in der Medizin immer von Abwertungen betroffen waren, hoben die Keynote-Speakerinnen und Ärztinnen Bettina Pfleiderer und Mirijam Hall hervor. Sie untermauerten ihre Aussagen mit eindrücklichen Zahlen und Lebensläufen. Schon allein bei der Testung von Medikamenten werden Frauen (im menstruationsfähigen Alter) kaum berücksichtigt. Hall verwies auf den National of Health Revitalization Act, der 1993 in den USA verabschiedet wurde. Seither müssen Frauen in staatlich finanzierten (!) klinischen Studien berücksichtigt werden. In Europa gelten analoge Regelungen auch für präklinische Tierstudien, da es einen Unterschied macht, ob männliche oder weibliche Zellen verwendet werden. Dieser Einschluss gilt jedoch nicht für Generikastudien, unabhängige Pharmastudien oder Zellstudien. So verwundert es nicht, dass auch Medikamente bei Frauen anders wirken.
Folien Keynote „Unser Körper ihr System. Medizin als patriarchales Machtinstrument“, Mirijam Hall, Gynäkologin, Vorsitzende der Aids Hilfe Wien, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Familienplanung
Herzinfarkt statt Panikattacke
Pfleiderer verglich Fallbeispiele und zog exemplarisch ein Beispiel aus der Hausarztpraxis heran:
Sabine (55), Abteilungsleiterin einer großen Firma, klagt über plötzliche Übelkeit, Erbrechen sowie starke Schmerzen im Hals-, Nacken- und Kieferbereich. Sie hat das Gefühl, ihr werde die Luft abgeschnürt, ihr Herz rase, ihr sei schwindelig und sie schwitze stark.
Folien Keynote „Frauengesundheit aus einem europäischen und globalen Blickwinkel“, Bettina Pfleiderer
Professorin an der Universität Münster, Leiterin der EU-Delegation bei der W20, eh. Präsidentin des Weltärztinnenbundes
Vernetzen und Weiterarbeiten
Damit betonten die Keynote-Speakerinnen, dass Frauengesundheit ein politisches Thema ist und dass Unterschiede eine Folge politischer Prioritäten darstellen, die in rechten, autoritären Regimen besonders sichtbar werden. Laut Pfleiderer macht Europa zwar Fortschritte, hat aber selbst mit großen Ost-West-Gaps zu kämpfen (siehe Müttersterblichkeit, die in Teilen Osteuropas 2- bis 3-mal höher ist, oder Lebenserwartung von Frauen). In gezielten Workshops wurde an zentralen Themenfeldern frauenpolitischer Gesundheit gearbeitet. Dabei stand oft die ökonomische Verteilungsfrage im Großen (Vermögensbesteuerung und Wohlstandsstaat) wie auch im Kleinen (notwendige ökonomische Unabhängigkeit von Frauen und gerechte Entlohnung) im Vordergrund. Die Teilnehmer:innen diskutierten intensiv über die Verlagerung von Gesundheitsleistungen in den privaten Bereich, die Tatsache, dass Frauenärzt:innen oft Männer sind und keine Kassenverträge haben, die enorme Belastung in den Gesundheitsberufen und darüber, wie Frauen mit Teilzeitjobs im Alter in die Armut abrutschen. Beim abschließenden Resümee pochten SPÖ-Frauensprecherin Sabine Schatz und Staatssekretärin Ulrike Königsberger-Ludwig auch darauf, dass Frauengesundheit Daten, Prioritäten und politische Umsetzung braucht. Dieser feministische Neujahrsauftakt sei eine Kampfansage an aktuelle politische Entwicklungen, die Frauenprogramme zurückbauen.
Zum Barbara-Prammer-Symposium
Als feministischer Jahresauftakt und zum Gedenken an Barbara Prammer veranstalten das Karl-Renner-Institut, die SPÖ Bundesfrauen, der SPÖ-Parlamentsklub und die Foundation for European Progressive Studies rund um den Geburtstag der ehemaligen Nationalratspräsidentin und Frauenvorsitzenden ein jährliches „Barbara-Prammer-Symposium“.
Bisherige Themenschwerpunkte bei den Symposien
2015: Demokratie und Gleichstellung
2016: Frauen.Flucht.Solidarität.
2017: Frauen.Arbeit.Zukunft.
2018: Mehr Beteiligung, mehr Bewegung, mehr Feminismus! Jetzt erst recht!
2019: Europa der Frauen. Europa den Frauen.
2020: Internationale Frauenrechte – Peking +25
2021: Geschlechtergerechte Krisenpolitik. Für einen feministischen Aufbruch in der Pandemie.
2022: Leben frei von Gewalt. Die Istanbul Konvention und ihre Perspektiven.
2023: Was wir einander schulden. Europäische Perspektiven für eine geschlechtergerechte Wohlfahrtspolitik.
2024: Demokratie braucht Feminismus
2025: Geld. Macht. Gleichstellung.
2026: Körper. Macht. Medizin. Feministische Perspektiven auf Gesundheit.
Alle bisherigen Symposien sind auf dem RI-Youtube-Kanal nachzuschauen.
Projektleitung